6/28/2016

[Niederländisch für Anfänger - No. 2] "Reise nach Jerusalem"


Hallo meine Lieben!

"Morgen früh schreib ich den Post", hat sie gesagt, "Heute, gleich nach dem Aufstehen", hat sie gesagt. "Okay, dann fahr ich aber extra früh von der Uni los, damit ich den Post gleich Nachmittags schreiben kann.", hat sie gesagt. "Ich muss hier bestimmt links abbiegen.", hat sie gedacht. Es war natürlich nicht links. 

Was für eine wilde Einleitung, jaja, ich weiß. Nehmt's mir nicht übel. Ich bin fix und foxy. Eine Wortgruppe, die auch der Name einer Kinderzeitschrift sein könnte, die irgendeine Bank monatlich herausgibt. Und eine Wortgruppe, die sich heute wirklich ihre Existenz verdient hat. Oder lasst es mich so sagen: Wieso heißt diese "Niederländisch für Anfänger"-Impression "Reise nach Jerusalem"? - Ganz einfach. Es sind nur Stühle. Man kommt nie nach Jerusalem. Alles eine riesige Lüge. Wacht auf! Und bucht euch ein verdammtes Flugticket. Sonst wird das nichts. Dieser Grundgedanke fasst meine heutige Odyssee eigentlich ziemlich genau zusammen: Man glaubt, man spielt Reise nach Jerusalem, aber eigentlich läuft man nur im Kreis und ist so weit von Jerusalem entfernt, wie nur irgend möglich. In meinem Falle war "Jerusalem" übrigens "Mein Studentenwohnheim" und die Stühle waren Innenstadt und Umland von Nijmegen. Und natürlich bin ich nicht gelaufen, sondern geradelt, wie sich das so für eine frisch gebackene Wahlniederländerin gehört. Ungefähr 40/50 (?) Kilometer quer durch die Prärie. Erkenntnis des Tages: Ohne funktionierende Internetverbindung auf dem Handy, d.h. ohne Google Maps, seid ihr aufgeschmissen. Aufgeschmissen. Schreibt euch das hinter die Ohren. Wenn was mit dem Internet nicht stimmt, radelt nicht allein in den Sonnenuntergang. Das geht nicht gut aus. Nicht. Gut.

Vier Stunden später und mit Muskelkater an Stellen, bei denen ich bisher noch gar nicht wusste, dass sie Muskeln besitzen, bin ich endlich im Wohnheim angekommen. Dank gilt an dieser Stelle vielen netten Passanten, einem nachsichtigen Busfahrer, der mich mit dem Fahrrad reingelassen hat, einem sehr freundlichen Bibliothekar in der Unibibliothek (die hab ich nach den ersten drei Stunden dann irgendwann mal wieder gefunden und praktisch noch mal von vorn mit dem Weg angefangen), der mit eine Wegbeschreibung ausgedruckt hat und last but not least: Meinem künftigen Kommilitonen Michael aus meiner Sprachkursgruppe. Ich bezweifle, dass Michael das irgendwann einmal liest. Aber danke. Einfach, weil es manchmal keinen besseren Satz gibt, als "Ich bring dich einfach noch zur nächsten Kreuzung." - Währt ihr ich, würdet ihr das verstehen. 

Nun sitze ich also auf meinem gepolsterten Schreibtischstuhl im Wohnheim (Und oh mein Gott, ist die Polsterung gerade notwendig - ihr habt ja keine Ahnung) und tippe ab, was die letzten Tage so gerissen wurde. In Kurzform: Koffer packen, Autobahn, Schlüssel abholen, Beginn. Zwischendurch bin ich im Wohnheim in eine brasilianische Abschiedsfeier geplatzt und wurde - keine fünf Minuten vor Ort - schon mit einer warmen Mahlzeit versorgt, habe also - um es anders zu formulieren - einen sehr netten Flur erwischt und mich mittlerweile dank IKEA-Einkauf am Sonntag schon ein bisschen wohnlicher eingerichtet. Außerdem wohne ich jetzt das erste Mal in einem Haus, aus dem man einen so guten Blick über die Nachbarschaft hat. Und da mein Spirit Animal sowieso eine Nachbarschafts-Überwachende-Großmutter ist, hätte ich es nicht besser treffen können. Sollte ich demnächst davon berichten, dass ich dabei jetzt auch noch stricke, wisst ihr, in welche Richtung das geht.

Der Sprachkurs ist, wie ich gestern schon erwähnt hatte, durchaus dem Wort "Intensivkurs" gewachsen. Unsere Lehrerin ist eigentlich ganz gut drauf, aber hier geht es wirklich mit Eiltempo durch die Sprache durch. Habe keine Zweifel, dass ich sie nach fünf Wochen beherrsche. Verstehen und Lesen ist schon in Ordnung, sprechen macht noch einige Schwierigkeiten und über's Schreiben kann ich momentan noch nichts sagen, da wir das noch nicht in dem Sinne gemacht haben. Also, kurzes Fazit: Niederländisch ist - gerade am Anfang - schwerer, als man sich als Deutscher manchmal einredet. Das Lernen geht aber, weil wir grammatikalisch doch relativ nah beieinanderliegen. Aber wie gesagt. Aussprache, Schreibweise - nicht zu unterschätzen. Wir waren alle erst mal extrem überfordert. Aber das ist verzeihlich, wenn man bedenkt, in welche Dimensionen von kaltem Wasser wir da auch geschmissen wurden. Da man sich natürlich mindestens acht Stunden am Tag (eher zehn) mit der Sprache auseinandersetzt und auch von ihr umgeben ist, wird das Wasser zwar immer lauwarmer, aber es ist schon heftig. Vor allem die Ausmaße an Lernen, mit denen man sich erst mal wieder anfreunden muss. So viel wie ich in diesen in diesen paar Wochen mitkriegen werde, habe ich wahrscheinlich für alle Abiturklausuren zusammen nicht gemacht. Zehn Seiten Vokabeln am Tag. Läuft einfach.

Ein großes Thema neben Vokabeln, Verfahrereien und Co. ist natürlich das gute alte Heimweh. Ein Gefühl, das mir bisher vollkommen unbekannt war. Ich bin der Typ von Mensch, der eher Fernweh hat und raus muss. Aber auch ich bin vor der Sehnsucht nach dem heimischen Kirchturm nicht gefeilt. Ein bisschen hilft da natürlich, wenn man beschäftigt ist - ob jetzt mit Orientierungslosigkeit, neuen Kontakten oder Niederländisch - aber ich gebe zu und schäme mich auch nicht, heute Abend ein bisschen geweint zu haben, ohne genau zu wissen, wieso. Man ist einfach so weit weg und kommt so bald nicht wieder. Und die erste Woche, bis man sich ein bisschen eingelebt hat, ist da wahrscheinlich immer die härteste. Nun gut. Ich bin ein großes Mädchen und ich komme über den Damm, vor allem, weil die nächste Zeit sehr voll und sehr spannend sein wird, aber ich sage es gern noch ein Mal: Auch ich - und ich bin wirklich nicht der Typ, der mit Orten so eng verbunden ist - vermisse die heimischen Landen schon ein bisschen. (Und das, obwohl Nijmegen wirklich ein Traum ist - alles grüne Alleen, wunderschön, wie aus dem Bilderbuch.) 

Doch verzagt nicht, denn das tu ich auch nicht. Frei nach dem Motto: Am Ende des Tunnels ist immer Licht. Mein Licht waren heute zum Beispiel die kleine Botschaft, die mir der Bibliothekar auf die ausgedruckte Karte geschrieben hat ("Welcome to Nijmegen and good luck.") oder all die Leute, die - obwohl das hier eine Stadt mit über 100 000 Einwohnern ist - "goedenavond" zu mir sagen oder fragen, ob ich Hilfe brauche, wenn ich verwirrt mit einer ausgedruckten Karte in der Hand an der Ampelkreuzung stehe oder das bekannte Gesicht aus dem Sprachkurs nach stundenlanger Fremde oder die nette Frau im Bus, die mir noch mal ein bisschen Mut zugesprochen hat und mir erklärt hat, dass ich tatsächlich mal im richtigen Bus in die richtige Richtung sitze (und da sag noch einer, ich bin orientierungsmäßig inkompetent, ha!) und meine österreichische Flur-Nachbarin, die mir heute Abend einen Zettel unter der Tür hindurchgeschoben hat, auf dem stand, dass ich gern noch was vom Abendbrot haben kann (in den Niederlanden wird abends warm gegessen und Mittags kalt) (es war köstlich). Wie ihr sehen könnt. Viel Licht, gar kein Grund zu verzweifeln. Und wie der Bibliothekar (und meine Freundin Selina am Telefon) es heute sagte: Wenigstens hast du was von Nijmegen gesehen. Immer positiv bleiben! 

Ich für meinen Teil falle jetzt erst mal in die Koje. Was für erlebnisreiche zwei Tage. Und die Hälfte musste ich sowieso ein bisschen unterschlagen, weil sie einfach den Rahmen sprengt. Was werde ich für Geschichten zu erzählen haben, wenn ich wieder Zuhause bin. Ihr habt ja keine Ahnung.

Alles Liebe,
Antonia

Kommentare:

  1. So ist das manchmal ;-) Ich wollte nach dem Studium natürlich in Köln bleiben und wurde in die Einöde geschickt, ins Oberbergische. Aber das packst du schon, erst recht mit so vielen netten, hilfsbereiten Menschen um dich herum.
    Ich finde es aber ganz toll, die Sprache im Land zu lernen und dadurch alles Kulturelle gleich mit.
    Viel Spaß noch, Ingrid

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    1. Ja! Heute war auch schon wieder viel besser als gestern. Nicht ein Mal verfahren (ich bin so unheimlich stolz auf mich) und das erste Mal in einem richtigen holländischen Supermarkt einkaufen gewesen. Langsam finde ich mich schon zurecht - habe ich jedenfalls im Gefühl - aber die nächsten zwei Wochen werde ich sicher das ein oder andere Mal noch dumm aus der Wäsche gucken. Man glaubt es kaum, aber auch die Niederlanden können sehr exotisch sein.

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    2. Oh doch, das glaube ich. Man staunt, dass die direkten Nachbarn so vieles anderes machen und auch eine andere Mentalität haben, eine sehr viel freundlichere als bei uns. Das hat mir in NL gut gefallen, so viele echt herzliche Menschen.
      LG, Ingrid

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    3. (sorry, dass das so spät kommt, aber mir sind im E-Mail-Postfach ein paar Kommentare verloren gegangen und die hab ich gerade eben erst wiederentdeckt)

      Die Niederländer sind wirklich unheimlich nette und entspannte Menschen. Werde selbst immer wieder überrascht, wenn ich bei irgendwelchen Behörden bin und die einfach nett sind. Das ist in Deutschland (meistens) eine echte Rarität. (Jedenfalls auf der Führerscheinstelle, da musste ich nämlich vor dem Sprachkurs letztens hin und die waren nicht sehr freundlich xD)

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  2. Das klingt wirklich super anstrengend. Ich bin auch richtig gut darin, mich zu verlaufen, aber bisher habe ich das noch nicht im Ausland gemacht und das ist natürlich wieder was ganz anderes. Ich war letzte Woche auf einem Konzert und einem Festival in den Niederlanden und schon da war "Äh sorry, English?" mein absoluter Lieblingssatz :D Ich bin aber immer wieder beeindruckt, wie gut viele dort einfach deutsch sprechen. Ein Typ hat versucht, sich mit mir zu unterhalten und mir richtig viel erzählt, aber ganz verständlich war das bei der Lautstärke dann leider doch nicht, was mir richtig leid tat, weil er sich solche Mühe gegeben hat und es eigentlich gar nicht mal schlecht war. :D
    Aber ich denke, wenn du jetzt wirklich so sehr von der Sprache umgeben bist und mit dem Intensivkurs wird es nicht lange dauern, bis die Verständigung kein Problem mehr ist :)
    Ich hoffe, die nächste Zeit wird ab jetzt entspannter!

    Liebe Grüße,
    Jacqueline

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    1. Ich finde, die ganze Geschichte hört sich schon viel netter an, wenn man den Satz mit "ich bin richtig gut darin..." anfängt - Verlaufen: Mein Secret Talent. Großartig :D

      Aber die Orientierungsfähigkeit wächst ja bekanntlich mit ihren Aufgaben. Seit gestern läuft dann auch endlich mein mobiles Internet wieder, was natürlich Vieles wesentlich leichter macht. Mittlerweile finde ich aber auch ohne Navigationshilfe und nette Niederländer von der Uni zum Wohnheim und vom Wohnheim zur Uni. Der Rest ist noch ausbaufähig. Aber wie gesagt. Mobiles Internet. Ich komm klar.

      Ich fang immer an mit "Sorry, I don't speak Dutch." aber ja, irgendwie hat jeder so seine Standart-Ich-Versteh-Die-Sprache-Nicht-Phrase :D Ich hoffe, dass ich mit dem Intensivkurs bald in der Lage bin, diesen Satz ein bisschen weniger zu verwenden. Immer Entschuldigungen sind auch irgendwann blöd :P

      Liebe Grüße und ich halte mit den Sprach-Fortschritten auf dem Laufenden,
      Antonia

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    2. Seh ich auch so, klingt gleich viel besser :D

      Das ist doch schon mal die Hauptsache. Mit der Zeit kommt der Rest dann auch noch. :)

      Ja, ich denke schon. Das Verstehen von Niederländisch ist meiner Meinung nach auch völlig in Ordnung, wenn man es nur grob braucht. Ich habe zum Beispiel im Prinzip verstanden, was die Frau wollte, die die Parkplätze eingewiesen hat, aber übersetzen könnte ich es jetzt nicht :D

      Liebe Grüße und viel Erfolg!

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    3. War heute erst beim Supermarkt und eigentlich versteh ich Niederländisch auch ganz gut, aber die Kassiererin hat mich plötzlich irgendetwas über Restaurantbesuche gefragt und ich hab einfach nur gelächelt und mit dem Kopf geschüttelt und "Nee, nee, dank je wel" vor mich hingemurmelt. Language-Skills, hier, eindeutig xD Aber meist sind Niederländer wirklich gut verständlich ^^

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Danke, dass ihr durch eure Kommentare aktiv zum Training von Antonias Sprunggelenken beitragt. Sollte sie nach eurem Kommentar länger nichts posten, liegt es nahe, dass sie sich beim Rückwärts-Flick-Flack nach dem Entdecken einen Wirbel ausgerenkt hat.

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